Deep Dive Zukunftsindustrien: Warum Brain-Computer-Interfaces Chinas nächste Industrieplattform werden könnte
Erkennt China das nächste große Ding - oder versenkt es Geld in einem Nischenmarkt? Was können deutsche Unternehmen beitragen?
Wie im letzten Board Briefing intensiv erläutert, hat China im neuen 5-Jahresplan eine Reihe von Industrien und Technologien zu sogenannten “Zukunftsindustrien” erklärt, denen zukünftig besondere industriepolitische Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Wir stellen in dieser Reihe die wichtigsten dieser Technologien und deren Marktpotenziale vor.
Die erste dieser Technologien ist die der Brain-Computer-Interfaces (BCI - „Gehirn-Computer-Schnittstelle”).
(Leitlinien des Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie, der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, des Bildungsministeriums, der Nationalen Gesundheitskommission, der Kommission des Staatsrats zur Überwachung und Verwaltung staatseigener Vermögenswerte, der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Arzneimittelbehörde zur Förderung der innovativen Entwicklung der Gehirn-Computer-Schnittstellenindustrie)
BCI ist in China binnen weniger Jahre von einem wissenschaftlichen Randthema zu einer national priorisierten Zukunftsindustrie aufgestiegen. Am 13. März 2026 erreichte China einen wichtigen Meilenstein mit der weltweit ersten kommerzielle Marktzulassung für das BCI-Medizinprodukt „NEO” zur Wiederherstellung der Handfunktion bei Querschnittslähmung. Damit hat China als erstes Land die Brücke von Forschung, klinischer Erprobung und regulatorischer Kommerzialisierung mit China-Speed geschlagen.
BCI - Kurze Begriffsklärung
BCI ist ein Sammelbegriff für ein Bündel von Techniken. Wesentliches Merkmal dieser Technologie ist der technische Zugang zu Körperfunktionen (auslesend, stimulierend, bidirektional) um diese zu reaktivieren oder technisch zu ersetzen. Chinesische Politikdokumente definieren das Feld als direkten Informationskanal zwischen Gehirn und externer Technik, mit Erfassung, Dekodierung, Ausgabe und Rückkopplung im geschlossenen Kreis. Die chinesische Akademie für Informations und Kommunikationstechnologie beschreibt die Technologie als Aufbau eines direkten Kommunikationskanals zwischen Gehirn und externem Gerät. Die chinesische Medizinproduktenorm definiert Brain Computer Interface Medizinprodukte als Geräte, die neuronale Signale lesen, dekodieren und in Funktionen überführen. Inhaltlich umfasst das Feld daher sowohl Gehirnlesen als auch Gehirnsteuerung, in wachsendem Maße auch bidirektionale Systeme mit Rückkopplung, Stimulation oder sensorischer Substitution. Man kann somit auch etablierte Systeme wie ein EEG zur Gruppe der BCI-Technologien zählen.
Wenn der neue 5-Jahresplan BCI als eine von wenigen Zukunftstechnologien mit starkem Investitionsfokus aufführt, sollte eher die ambitionierte, bidirektionale und mit geschlossenem Regelkreis verbundene Technik gemeint sein.
Anwendungsbeispiele sind dabei nicht nur medizinisch, sondern auch in der Bildung in Klassenräumen, beim Gaming oder in der Industrie jeweils als Schnittstelle zwischen eben menschlichen Gehirn als Steuerer und Maschine.
Internationale Einordnung - China im Vergleich
China überschritt 2025 und 2026 in kurzer Folge mehrere Schwellen. Das zugelassene NEO-System von Neuracle beruht auf einer klinischen Basis von 36 Implantationen. Das „Institut für Gehirnforschung und gehirnähnliche Intelligenz Beijing” (北京脑科学与类脑研究所) meldet für das System „Beinao-1” bis April 2026 zehn vollständige Menschenimplantationen mit mehr als 45.000 Stunden sicherem Betrieb und führt eine multizentrische Registrierungsstudie nach „guter klinischer Praxis” (Good Clinical Practice, GCP) mit dem Ziel von 40 Patienten bis Ende 2026 und einer angestrebten Zulassung 2027. NeuroXess demonstrierte die Echtzeit-Bewegungssteuerung als weltweit einziges Unternehmen mit gleichzeitiger Motorik- und Mandarin-Sprachdekodierung.
Abseits der Implantate wächst das Feld in China über nicht invasive und teilinvasive Lösungen. BrainCo vermarktet intelligente bionische Hände und Beine sowie Produkte für besseren Schlaf, vertiefte Aufmerksamkeit und besondere Trainingsformen. Dieser Strang ist industriepolitisch bedeutsam, weil er neben der medizinischen Anwendung Fertigung, sensorische Plattformen und Konsumpreise skaliert. Die chinesische Industriepolitik fördert damit auch außerhalb des Gesundheitsmarktes Anwendungen in Industrie, Fahrsicherheit, Bildung und Konsum.
In der klinischen Versorgung dominieren Kommunikation, Greif und Gehunterstützung, Schlaganfallrehabilitation, neuropsychiatrische Interventionen und Überwachung in der Neurointensivmedizin. Im industriellen und konsumtiven Raum entstehen Fatigue Monitoring, Aufmerksamkeitssteuerung, Wearables, Exoskelette, Reha Systemintegration und erste Mensch Maschine Interfaces in Bildung, Sport und Smart Living.
In den USA ist Neuralink einer der zentralen Akteure. Das Unternehmen testet mit mittlerweile rd. 20 Patienten ein implantierbares BCI, das Patienten mit schwerer Lähmung die Steuerung digitaler und physischer Geräte durch Gedanken ermöglichen soll. Die weitere Skalierung wird durch eine Series E Runde über 650 Millionen US Dollar unterstützt, bei einer Bewertung von rund 9 Milliarden US Dollar vor der Finanzierungsrunde. Das Produkt ist eine Kombination aus Implantat, OP Robotik, Datendekodierung und Skalierungslogik und damit ähnlich wie bei den chinesischen Systemen nicht nur ein isoliertes Chip-Implantat, sondern ein neurotechnologisches System.
Precision Neuroscience - ebenfalls aus den USA - erhielt 2025 eine Freigabe für eine hochauflösende Kortikalelektroden-Plattform zur Aufzeichnung, Überwachung und Stimulation elektrischer Aktivität auf der Hirnoberfläche. Paradromics erhielt im November 2025 eine Studienzulassung für das Connexus BCI, das Sprachwiederherstellung und Computersteuerung bei Menschen mit schwerer motorischer Einschränkung prüfen soll.
Europäische Akteure zeigen besondere Stärke bei therapeutischen und bidirektionalen Anwendungen. ONWARD Medical aus den Niederlanden entwickelt BCI mit implantierbarer spinaler Stimulation zur Wiederherstellung gedankengesteuerter Bewegung. Für 2025 wies ONWARD 5,4 Millionen Euro Umsatz aus. Die CorTec GmbH aus Freiburg erhielt im April 2026 eine regulatorische Vorzugsstatus-Einstufungen der FDA für ihr Brain Interchange System zur therapeutischen kortikalen Stimulation bei motorischer Rehabilitation nach einem Schlaganfall. Das vollständig implantierbare Closed Loop System wird an der University of Washington weiter erprobt.
Definiere “Zukunftstechnologie” - Marktpotenzial China und global
Bei allen Erfolgen der Studien innerhalb von China und international ist für den Begriff der Zukunftstechnologie natürlich entscheidend, inwieweit diese Technologien das Potenzial für eine relevante Marktgröße haben.
Nüchtern betrachtet ist das Marktpotenzial zum heutigen Tage verschwindend gering, wenn man es in Relation setzt zu dem übrigen Gesundheitsmarkt.
(Quellen zur Tabelle: Marktdaten 2024–2026 von Fortune Business Insights, Grand View Research, Mordor Intelligence, MarketsandMarkets, Precedence Research und Towards Healthcare. (GLP-1: „Glukagon-ähnlichen Peptid-1”-Wirkstoffe; umgangssprachlich “Abnehmspritzen”)
Das Marktpotenzial war damit im letzten Jahr sehr gering, aber immerhin bereits erkennbar in der weltweiten Marktübersicht.
Für China selbst liegen die saubersten öffentlich zitierten Marktwerte derzeit im niedrigen bis mittleren einstelligen Milliarden Renminbi Bereich. Reuters nennt eine Projektion von 5,58 Milliarden Renminbi für den chinesischen BCI Markt bis 2027. Diese Zahlen sind breit gefasst und dürften im Regelfall das erweiterte Industrieökosystem umfassen, nicht nur invasive Implantate. Trotzdem sind sie für die chinesische Politikökonomie hoch relevant, weil sie Brain Computer Interfaces bereits als entstehendes Industrie und Anwendungssystem rahmen und nicht mehr nur als Labortechnologie.
Aussagekräftiger als das absolute Volumen ist aber das Wachstumsprofil. Mit einer jährlichen Wachstumsrate von 14 bis 17 Prozent gehört das Feld zu den dynamischsten im Gesundheitsmarkt.
(Quellen zur Tabelle wie oben)
Das Wachstumspotenzial von BCI wird noch einmal deutlich größer, wenn man über den engen Bereich der Implantate die Neurotechnologie als neue, weitere Plattformtechnologie und eigenen Technologiestack begreift. Und dies dann weiter um nicht medizinische Anwendungen in Industrie, Freizeit und Bildung ergänzt.
Morgan Stanley schätzt laut MarketWatch, dass der BCI Markt allein in den USA bis 2035 80 Milliarden US Dollar erreichen könnte, bis 2045 sogar 320 Milliarden US Dollar. Diese Größenordnung ergibt nur Sinn, wenn BCI als breite Plattformtechnologie einschließlich nicht-medizinischer Anwendungen verstanden wird. das zu tun, macht allerdings auch angesichts des technologischen Potenzials durchaus Sinn.
Zusammengenommen erkennen wir in den Datenanalysen unter Umständen ein erstes Schema, wie China “Zukunftstechnologien” identifiziert und systematisiert:
Sprung über bisherige technologische Grenzen
erstes erkennbares Marktpotenzial
valides und relevantes Wachstumspotenzial
Warum China hier schneller ist als der Westen - Die chinesische Zielpolitik
Einmal erkannt und definiert als Zukunftstechnologie stellt sich die Frage, was dies für die jeweilige chinesische Branche industriepolitisch bedeutet und wie Peking dann weiter unterstützt und steuert. .
2023 nahm das chinesische „Umsetzungsprogramm zur standardisierten Navigation neuer Industrien“(新产业标准化领航工程实施方案) BCI als künftiges Standardisierungsfeld auf. 2024 folgte die zentrale „Stellungnahme zur innovationsgetriebenen Entwicklung künftiger Industrien“(关于推动未来产业创新发展的实施意见), die BCI als Spezialfeld zukünftiger Industriepolitik nannte und weitere Fachprogramme ankündigte. 2025 kam mit der „Umsetzungsvorlage zur Förderung der innovationsgetriebenen Entwicklung der BCI Industrie“(关于推动脑机接口产业创新发展的实施意见)der eigentliche sektorale Durchbruch, getragen von sieben zentralen Behörden. 2026 wurde BCI dann im 15. 5-Jahresplan als “Zukunftsindustrie” und zusätzlich in der Liste der stärker zu fördernden Industrien und Technologien “Neue Branchen, Neue Wege” aufgeführt.
Das von den sieben chinesischen Regierungsstellen getragene Dokument beschreibt als Ziel bis 2027 wesentliche Durchbrüche bei BCI Schlüsseltechnologien und bis 2030 den Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Industrie. Einzelne lokale Programme, darunter Beijing und Shanghai, übersetzen diese Linie in industriepolitische Zwischenziele. In chinesischen Sekundärquellen werden für Beijing unter anderem potenzielle Einhörner bis 2027 und rund 100 innovative kleine und mittlere Unternehmen bis 2030 genannt. Für Shanghai werden besonders klinische Zielbilder hervorgehoben, darunter mehrere invasive oder halb invasive Produkte in klinischen Studien bis 2027 und eine deutlich breitere klinische Anwendung bis 2030. Diese lokalen Zielmarken sollten jedoch eher als programmatische Planwerte behandelt werden, die tatsächliche Umsetzung bleibt abzuwarten.
So oder so: China versucht mit dieser industriepolitischen Programmatik, BCI über nationale Standards, klinische Studien, Kapitalmobilisierung, industrielle Skalierung und regionale Pilotprogramme systematisch vom Labor in den Markt zu überführen.
Kann Deutschland profitieren?
Für deutsche Akteuere dieser Branche stellt sich - wie aus unserer Sicht immer bei der Lektüre des laufenden 5-Jahresplans - die Frage, ob und wie sie von den chinesischen Ambitionen profitieren können und gleichzeitig vor allem ihr IP schützen.
Für Deutschland dürfte die strategische Chance bei BCI nicht primär in der eigenen Entwicklung vollständiger Endsysteme liegen, sondern eher im Zuliefersegment kritischer Systemmodule. Relevant sind Elektroden, biokompatible Materialien, Präzisionskomponenten, chirurgische Instrumentierung, OP Navigation, klinische Software, Signalverarbeitung, Qualitätssysteme und regulatorisch belastbare Fertigung. Diese Felder passen zur deutschen Medizintechnikbasis, mit Deutschland als dem größten Medizintechnikmarkt Europas mit der höchsten Zahl an Medizintechnikunternehmen und Beschäftigten im europäischen Vergleich.
Ein Zuliefereransatz trägt klare Vorteile.
Er liegt näher an deutschen Kernkompetenzen.
Er reduziert den Bedarf an eigenen Patientendaten und chirurgischen Lernkurven.
Er reduziert den Investitionsaufwand, was der deutschen Schwäche im deutschen VC-Markt entgegenkommt.
Er erlaubt Mehrgleisigkeit über China, Europa und USA.
Er profitiert von regulatorischer Tiefe in der deutschen Medizintechnik.
Und er lässt sich mit Co-Entwicklung und Minderheitsbeteiligungen verbinden, ohne früh auf ein einziges Plattformlager festgelegt zu sein.
Diese Vorteile tragen allerdings auch ihre Schwächen gleich in sich, vor allem die geringere Kontrolle über Endmärkte und proprietäre Datenströme. Diese Schwäche kann versucht werden durch Joint Development, Qualitätsnormen, Software Module und Serviceverträge neutralisiert werden.
Allerdings muss in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass die EU 2025 chinesische Anbieter bei großen öffentlichen Medizinprodukte-Ausschreibungen weitgehend ausgeschlossen hat. Grundlage war erstmals das International Procurement Instrument, nachdem die Kommission fehlenden fairen Zugang europäischer Anbieter zu chinesischen Beschaffungsmärkten festgestellt hatte.
Wir werden also vermutlich bei BCI ein bekanntes China-Spiel erleben, nämlich “wer hat angefangen - und wie kommen wir wieder raus?”. Unsere These ist, dass dieses Spiel in der mittleren und langen Frist eher von China als strategisch langfristig operierender Akteur mit konsistenter Industriepolitik gewonnen wird, als von kurzfristig und divergierend operierender europäischer Staatengemeinschaft.
Für Vorstand und Board ist die entscheidende Einordnung nüchtern. BCI wird bis 2030 im direkten Geräteumsatz wahrscheinlich ein kleiner Medizintechnikmarkt bleiben. Im Verhältnis zur globalen Medizintechnik und zur Pharmaindustrie bleibt das vorerst ein Segment mit geringer Umsatzmasse. Strategisch wächst daraus dennoch ein neues Zukunftsfeld, weil BCI mehrere größere Märkte auflädt, darunter Neuromodulation, Reha Robotik, klinische Datensysteme, intelligente Wearables, Neurodiagnostik und perspektivisch digitale Therapeutika.
Für deutsche Industrieakteure liegt der aussichtsreichste Profit aller Voraussicht nach in der Rolle als hochspezialisierter Zulieferer und Modulpartner für Materialien, Fertigungsprozesse, Leistungselektronik, funktionale Sicherheit und regulierte Produktionsqualität. Deutschland bringt hier Substanz mit, über einen der größten Medizintechnikmärkte der Welt, die größte Medizintechnikbasis Europas und hohe industrielle Präzision.
Nische oder The-next-big-thing? Dranbleiben und opportunistisch Profitieren könnte die Strategie sein, die eine Entscheidung zwischen den beiden Polen der möglichen Entwicklung erst einmal erübrigt.




