China, Peking, World Robot Conference 2026.
Peking, Messe am Rande der Stadt, riesige Messehallen, eineinhalb Stunden Fahrt mit der Bahn aus der Stadtmitte. Die Ausschreibung sagt, dass die ersten Tage erstmal Business und Wissenschaft sich austauschen sollen. Keine Kinder zugelassen, die, und Privatkonsumenten, dürften erst am dritten Tag zum Wochenende rein. Wie bei allen großen Messen.
Und dann die Realität: Morgens um halb 10 am zweiten Tag der Konferenz gleich zur Eröffnung des Tages drängen sich tausende am Eingang zur Messe. Mütter mit Kindern. Familien mit drei Generationen. Die Posten am Eingang haben es gleich aufgegeben, die Kinder entsprechend der Regeln nicht reinzulassen. Die Messe wird gestürmt von ganz normalen Familien, die die Roboter sehen wollen.
Oben in der Konferenzhalle spricht Ferdinand Dudenhöfer, der Auto-Papst aus Duisburg, über Dark Factories. Vorher philosophiert man über „Physical AGI“, später möchte ein Professor aus den USA darüber referieren, ob der menschliche Kontakt mit Robotern auch sicher sei. Interessiert alles nicht. Die Menschen sind hier, weil sie spielen wollen. Und weil sie die Roboter sehen wollen. Vielleicht weil sie ahnen, dass hier ihre eigene Zukunft gezeigt wird.
Wir berichten, Was auf der World Robot Conference 2026 in Peking zu sehen war. Aber noch mehr, wie eine Gesellschaft sich in Roboter verliebt.
Die entscheidende Beobachtung dieser Messe ist aus unserer Sicht nicht unbedingt der technische Reifegrad einzelner Roboter. Interessanter ist, zu sehen, wie schnell China versucht, Robotik gleichzeitig als Industrie, Konsumgut und gesellschaftliche Normalität zu etablieren.
Kinder - Der leichteste Zugang zur Familie
Wenn die Kinder begeistert sind, sind es die Eltern und die Omas auch. Auch ohne elaboriertes Marketingkonzept ist es daher schnell zu verstehen, dass man auf Spielzeug setzt, solange das Niveau für industrielle Nutzung noch nicht erreicht ist. Bei den chinesischen Familien auf der Messe klappt das hervorragend.
Frühe Consumer Anwendungen schaffen Stückzahlen, Nutzungsdaten und Markenbekanntheit und beschleunigen so Lernkurven und Kostendegression.
Die Alten - Sie ahnen es…
“Wer wird mich im Alter pflegen, wenn ich nur eine Tochter habe und die edenganzen Tag arbeiten muss?” Die alten Menschen auf der Messe scheinen es zu ahnen, dass die Pflegerin eine Maschine sein könnte.
“Was soll’s, meine Enkel lieben die Robots sowieso und irgendwie werden wir uns dann schon damit arrangieren. Putzig sind sie ja, die Roboter.” Gesagt hat das niemand so direkt in diesen Tagen. Aber zusammen mit den Robot-Auftritten bei den jährlichen Neujahrsshows des chinesischen Fernsehens scheint auch hier die Idee darin zu liegen, mit einfachen Showcases sukzessive Akzeptanz in der Gesellschaft herzustellen. Darauf kann man dann die Anwendung aufbauen, die in ein paar Jahren Wirklichkeit werden soll.
Kranke Menschen - Hoffnung im Gedränge
Brain Computer Interfaces und digitale Prothesen haben in ersten Anwendungen gezeigt, welches Potenzial in der Technologie im Medizin- und Rehabilitationssektor liegen kann.
Gladiatoren aus Plastik und Kabeln
In einem Käfig bekämpfen sich zwei Robots. Die Beweglichkeit ist beeindruckend. Sie werden ferngesteuert von zwei Mitarbeitern, ein Einheizer treibt sie an. Man bringe sie in eine Arena und ich bin sicher, dass sich angesichts der Begeisterung der Menschen und der Stimmung drumherum mit Leichtigkeit Wetttickets auf den Sieger verkaufen lassen.
Auf eine Maschine sind zwei Boxer-Robots montiert. Qualitativ wirkt es wie die Pac Man-Video Spiele der 80er Jahre. Und genau da könnte das Potenzial liegen. Embodied Gaming als neue Gaming-Industrie, die ihre Zeit haben wird.
Neue Englischlehrer im Kinderzimmer
Viele Roboter sind noch sehr einfach aufgebaut. Das macht sie preislich erschwinglich, in der Anwendung aber eben auch begrenzt. Was macht man mit einem kleinen Robot, der nur ein bisschen rumlaufen kann und ein Sprachmodul hat?
Zum Beispiel den Kindern zu Hause Nachhilfe in Englisch oder Mathe geben.
Professionelle Nachhilfeschulen sind in China seit ein paar Jahren nicht mehr erlaubt, um den Kindern nicht noch mehr Lerndruck zu geben. Auf digitale Anwendungen bezieht sich das nicht, Anbieter erkennen die Marktchance.
MINT-Absolventen als Infrastruktur
Jedes Jahr verlassen Millionen MINT-Absolventen die chinesischen Universitäten. Auf der Messe konnte man sehen, wo sie bleiben (wenn sie denn einen Job ergattern und sich nicht mit Aushilfsjob bei einem Lieferdienst begnügen müssen).
China hat zuletzt diverse Studiengänge abgeschafft, um auch das Universitätssystem ganz auf die Entwicklung der neuen Zukunftsindustrien auszurichten. Man braucht erstmal Programmierer und Ingenieure.
Quälend langsames Zusammenlegen von T-Shirts
Diverse Stände versprechen das Ende mühevoller Hausarbeit. Aktuell ist noch das Zusehen das mühevollste. Die Robots, die T-Shirts falten oder eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holen sollen, sind so quälend langsam, dass man am liebsten sagen möchte: „Lass es, ich mach es selbst!“
Auch technisch noch einfache Haushaltsroboter können über wachsende Stückzahlen jene Lernkurven und Skaleneffekte finanzieren, aus denen leistungsfähigere Produktgenerationen entstehen.
Auch die ersten Autos waren langsamer als Pferde. Skalierung wird Geschwindigkeit bringen. Viele Formen sind erst wenige Jahre am Markt und haben schon funktionsfähige Sets unterschiedlicher Roboter im Angebot. Der Wettbewerb wird die Entwicklung exponentiell beschleunigen, wie immer in der Digitalisierung. Und damit auch das T-Shirt-Falten.
Taser in Robo-Hand und die Banalität der Politesse
Tritt man in seinen Überwachungsradius, richtet der Robo seinen Taser auf den Eindringling und warnt ihn dringend, den Kreis zu verlassen. Die Aufgabe ist so simpel, dass dieser Use-Case leicht mitgenommen werden kann vom Hersteller.
Auch beim Verlassen des Messegeländes am Abend zeigt sich, wie einfach viele Arbeitsprozesse sind, die bislang noch von Menschen ausgeführt werden. So einfach, dass man sich nach einem Tag auf der Messe fragt, warum das nicht schon längst eine Maschine macht. Ein Polizist steht hinter einer Absperrung und erklärt den Passanten im Minutentakt mit den immer gleichen Worten, dass 100 Meter weiter der Weg über die Straße führt. Robotisches Substitutionspotenzial: 100 Prozent.
Industrie - Die neue Workforce braucht kein Licht und keine Pause
Robotik ist nicht nur Spielerei. Sie wird auf Sicht eine neue Workforce bilden, die keine Pause braucht, sich nicht um Lichtverhältnisse, Sauerstoffversorgung, Lärmbelastung oder andere Gefahren für den Menschen an den unterschiedlichsten Arbeitsplätzen kümmert.
Chinas breite industrielle Basis, eng verzahnte Lieferketten und große Zahl potenzieller Einsatzfelder schaffen ein Skalierungsumfeld, in dem neue Robotikanwendungen schnell erprobt, industrialisiert und in größere Stückzahlen überführt werden können.
Hier liegt das Feld, das die schnellsten ROIs verspricht und einen Billionenmarkt entstehen lassen könnte.
Die Deutschen: Schrauben, Zahnräder und Professorales
Deutsche waren auch da, ein paar. Am sichtbarsten waren Schaeffler und Prof. Dudenhöfer. Schaeffler zeigte anhand eines vermutlich bewusst recht simpel wirkenden Humanoiden, dass sie vor allem auf Anwendung in der Industrie setzen.
Auch der Auto-Papst Ferdinand Dudenhöfer nutzte seine Expertise aus den alten Märkten für eine Positionierung im neuen.
Ob das jeweils reichen wird, um dauerhaft in diesem Markt wettbewerbsfähig zu sein, ist schwer zu sagen. Die meisten Humanoiden haben noch Teile aus westlicher Produktion verbaut. An manchen Ständen fand sich aber auch der Stolz auf 100% „Made in China“.
Die Messe zeigt, dass Technologie in China früh gesellschaftlich normalisiert wird, lange bevor sie technisch ausgereift ist. Darin könnte Chinas nächster Vorsprung liegen.
Der Wettbewerb in der Robotik wird am Ende vielleicht weniger durch den perfekten Roboter entschieden als durch die Gesellschaft, die bereit ist, ihn am schnellsten selbstverständlich werden zu lassen.
“Perfektion in Technik” ist nicht die Lösung? Da dürfte manch deutschsprachiger Leser aufmerksam werden.








